Donga (Stockkampf)
Zeremonieller Kampf mit einem über zwei Meter langen Stock bei den äthiopischen Surma und Mursi im Tal des Omo. Der Anthropologe J. Abbink nennt ihn den Nationalsport der Surma.
Wichtige Daten
Charakter & Herkunft
Organisation & Wettkampf
Woraus der Stil besteht
Redaktionelle Bewertung auf einer Skala von 0–3, danach wie viel Raum der Bereich im normalen Training einnimmt.
Über Donga (Stockkampf)
Donga ist der Name eines langen Kampfstocks und laut Mursi Online und einer Diplomarbeit aus dem Jahr 2021 auch der Kämpfe mit ihm bei den Surma (Suri) und Mursi im Südwesten Äthiopiens. Der Anthropologe J. Abbink, der die Surma erforscht hat, nennt den Kampf thagine und bezeichnet ihn als Nationalsport der Surma, als Kampf junger unverheirateter Männer. Auch die verwandten Mursi am anderen Ufer des Omo kennen ihn. Die Stöcke werden laut Abbink aus dem harten, geraden Holz des Baums kallochi gefertigt und sind 2,10 bis 2,40 m lang. Es kämpfen Vertreter verschiedener Dorfgemeinschaften (buran) gegeneinander, über den Kampf wachen ältere Schiedsrichter, und er endet, wenn der Gegner zu Boden geschlagen wird oder so erschöpft und verletzt ist, dass er nicht ohne die Gefahr einer schwereren Verletzung weitermachen kann. Auch das versehentliche Töten oder Verstümmeln eines Gegners ist laut Abbink ein schweres Vergehen. Die Hauptkämpfe fanden laut Abbink nach der Ernte von Sorghum und Mais statt. Seit 1994 versuchte der Staat, die Kämpfe zu verbieten, ohne Erfolg. Eine Diplomarbeit aus Addis Abeba aus dem Jahr 2021 beschreibt, dass junge Suri Touristen gegen Bezahlung inszenierte Kämpfe vorführen.
Geschichte
J. Abbink beschreibt in einem Artikel aus dem Jahr 1997 den Stockkampf zwischen jungen unverheirateten Männern als Nationalsport der Surma im Südwesten Äthiopiens. Die Surma bestehen ihm zufolge aus zwei Gruppen, die sich Chai und Tirma nennen, und leben von Ackerbau und Viehzucht im Tiefland am Rand des äthiopischen Hochlands. Ihre nächsten Verwandten sind die Mursi, die einen Tagesmarsch von ihnen entfernt am anderen Ufer des Omo leben und den Stockkampf ebenfalls kennen. Abbink nennt den Kampf thagine (im niederländischen Text von 1997 thaginé) und die langen Kampfstöcke dongen, im Singular donga. Die wichtigsten Kämpfe des Jahres fanden laut seinem Artikel von 1997 zwischen November und Januar nach der Haupternte von Sorghum und Mais statt, und eine zweite, weniger intensive Zeit kam im April und Mai nach der Aussaat. In seinem Artikel von 1998 schreibt er, dass die Kämpfe in den vorangegangenen sechs oder sieben Jahren viel häufiger waren und fast alle zwei bis drei Wochen drei bis vier Monate lang nach der Sorghumernte (September bis November) sowie im Januar und im April und Mai stattfanden. Bei den Mursi dauert ein Treffen der Kämpfe laut Mursi Online gewöhnlich mehrere Tage, wird mehrere Monate im Voraus besprochen, findet in einer Zeit des Nahrungsüberflusses statt und wird oft als Krieg (kaman) bezeichnet.
Was es unterscheidet
Der Kampf ist laut Abbink vor allem ein Gruppenereignis der Surma und Mursi, und Angehörige benachbarter Völker können daran nicht teilnehmen. Die Einzelheiten unterscheiden sich zwischen beiden Gruppen. Der Schiedsrichter heißt bei den Surma laut Abbink odda, bei den Mursi laut Mursi Online kwethana. Eine besondere Ausrüstung tragen bei den Surma nur die besten Kämpfer, bei den Mursi hat jeder Teilnehmer die Ausrüstung tumoga.
Technik
Die Stöcke dongen werden laut Abbink aus dem harten, geraden Holz des Baums kallochi (Grewia mollis) gefertigt und sind 2,10 bis 2,40 m lang. Nur die besten Kämpfer dürfen eine besondere Kampfausrüstung tragen: einen festen, aus Sisal geflochtenen Helm, lederne Beinschützer, Beinbänder, dicke Baumwollbänder um Hals und Brust, Gürtel aus Hyänen- oder Löwenfell um die Hüfte, einen Handschild und eine eiserne Kuhglocke oder mehrere kleine Glöckchen. Mursi Online beschreibt bei den Mursi einen Stock von etwa zwei Metern Länge. In der Angriffshaltung wird er mit beiden Händen nahe dem unteren Ende gehalten, die linke über der rechten, und der Kämpfer versucht, mit dem Schaft, niemals mit der Spitze, jeden Teil des gegnerischen Körpers einschließlich des Kopfes so hart zu treffen, dass er ihn niederstreckt. Schläge werden abgewehrt, indem die rechte Hand am unteren Ende bleibt und die linke am Schaft nach oben über die Stelle gleitet, auf die der Schlag trifft. Jeder Mursi-Kämpfer trägt die Ausrüstung tumoga: einen Weidengeflecht-Schutz für den rechten Arm, Schienbeinschützer aus Leder, geflochtene Sisalringe an Ellbogen und Knien, ein Leopardenfell über dem Rumpf, einen Rock aus zerschnittenem Leder und eine Kuhglocke an der Hüfte, und sein Kopf ist mit langen Streifen Baumwollstoff umwickelt.
Training
Über systematisches Training sprechen die Quellen nicht. Abbink deutet die Kämpfe so, dass sie für die meisten Teilnehmer die erste ernsthafte Gelegenheit sind, die Faszination der Gewalt in begrenzter, gezähmter Form kennenzulernen. Die Ältesten und religiösen Führer der Surma ermutigen die Jungen ihm zufolge, in den Kämpfen ihre Kraft zu erproben und Kampferfahrung zu sammeln.
Graduierungen und Fortschritt
Abbink gibt ausdrücklich an, dass die Kämpfe weder Teil von Initiationsriten oder ähnlichen Ritualen noch eine Art der Streitbeilegung sind. Die Hauptkämpfer sind laut seinem Artikel aus dem Jahr 1998 junge unverheiratete Männer der Altersklasse tegay. Die Abschlussarbeit von Bardula Olekibo aus dem Jahr 2021 gibt dagegen an, dass sich Männer von der Jugendgruppe Tegen bis zu den jüngeren Ältesten Rora am Kampf beteiligen, unverheiratete wie verheiratete.
Wettkampf
Die Gesellschaft der Surma besteht laut Abbink aus territorialen Einheiten, Dorfgemeinschaften namens buran. Die Hauptkämpfer sind junge Männer der jüngeren Altersklasse aus verschiedenen buran, und zwei Mitglieder desselben buran dürfen nicht gegeneinander kämpfen, Mitglieder desselben Clans dagegen schon, wenn sie in verschiedenen buran leben. Die Kämpfe beaufsichtigen mehrere ältere Schiedsrichter (odda), die selbst nicht mehr kämpfen, und der Kampf zwischen den Mannschaften verläuft als Ranglistenwettbewerb. Im Laufe des Tages finden Dutzende Kämpfe statt, jeder höchstens drei Minuten lang, und am Ende bleiben zwei Kämpfer für den Schlusskampf übrig.
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Ein Kampf ist entschieden, wenn der Gegner zu Boden geschlagen wird oder so erschöpft und verletzt ist, dass er nicht ohne Gefahr einer schlimmeren Verletzung weiterkämpfen kann. Tiefe Wunden und Knochenbrüche kommen laut Abbink immer wieder vor, aber die versehentliche Verstümmelung oder Tötung eines Gegners ist ein schweres Vergehen, nach dem die Kämpfe sofort enden und alle nach Hause gehen. Der Tod im Kampf gilt als Mord und verlangt eine Entschädigung der Familie des Opfers. Bei den Mursi leiten den Kampf laut Mursi Online ein oder mehrere Schiedsrichter (kwethana), und es gewinnt, wer den Gegner zu Boden schlägt, oder wenn der Gegner verletzt aufgibt, oft mit gebrochenen oder geprellten Fingern. Andere Waffen wie Messer, Speere oder Gewehre sind laut Olekibo verboten.
Heute
Abbink schrieb 1998, dass der Einfluss der Ältesten und Schiedsrichter schwindet und dass junge Männer nach einem verlorenen Kampf Kalaschnikows ergriffen und zu schießen begannen, meist, aber nicht immer, in die Luft, was zu mehreren versehentlichen Tötungen führte. Automatische Waffen verbreiteten sich bei den Surma nach seinen Angaben massenhaft erst in den letzten zehn Jahren vor 1997. Er warnte, dass der Kampf zu einer tiefen Spaltung führen oder sogar verschwinden könnte, wenn die herrschende Altersklasse der Ältesten den Respekt vor den Regeln nicht erneuere. Der Staat versuchte laut Abbink 1994 und später, die Kämpfe zusammen mit als schädlich bezeichneten Bräuchen zu verbieten, jedoch ohne Erfolg. Die englischsprachige Wikipedia gibt an, dass das äthiopische Gesetz Stockkämpfe verbietet, eine konkrete Vorschrift konnten wir nicht finden.
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Rund um die Surma ist laut Abbink eine touristische Mythologie entstanden, die vor allem ein Artikel in National Geographic aus dem Jahr 1991 nährte. Die Abschlussarbeit von Bardula Olekibo aus Addis Abeba aus dem Jahr 2021 gibt an, dass sich eine echte donga nicht auf Bestellung veranstalten lässt, die Ankunft von Touristen aber junge Suri zu inszenierten Kämpfen gegen Bezahlung verleitet, die oft Reiseführer bestellen. Olekibo bezeichnet die donga als das wichtigste gesellschaftliche Ereignis der Suri, das jedes Jahr Touristen in die Region lockt.
Wissenswertes
Ausländer behaupten laut Abbink oft fälschlich, dass im Kampf um Mädchen gekämpft wird. Der Sieger wird zwar auf einer hölzernen Trage zu den Mädchen getragen, wählt aber keine Braut, weil Ehen zwischen den Familien lange im Voraus vereinbart werden. Bei den Mursi tragen den Sieger laut Mursi Online Gleichaltrige auf den Schultern, und unverheiratete Mädchen aus dem Clan seiner Mutter spenden ihm Schatten. Aus diesem Brauch entstand vermutlich die Vorstellung, der Sieger wähle eine Braut, obwohl die Ehe mit einer Frau aus dem Clan der Mutter streng verboten ist. Beide Seiten besuchen einander laut Mursi Online abwechselnd in Abständen von bis zu einem Jahr, um, wie Mursi Online es bildlich nennt, ihre Wunden auszutauschen (chacha muloi).
Häufige Fragen
Wird in der donga um eine Braut gekämpft?
Laut J. Abbink und Mursi Online nicht. Heiraten werden lange vorher zwischen den Familien ausgehandelt, und die Vorstellung, dass der Sieger sich eine Braut aussucht, ist laut Mursi Online ein Irrtum, der wohl aus dem Brauch entstand, dass Mädchen aus dem Clan der Mutter des Siegers ihn beschatten.
Wie lang ist der Stock donga?
Laut Abbink 2,10 bis 2,40 m. Er wird aus dem harten, geraden Holz des Baums kallochi gefertigt.
Wann endet der Kampf?
Laut Abbink, wenn der Gegner zu Boden geschlagen wird oder so müde und verletzt ist, dass er nicht ohne Gefahr weitermachen kann. Jeder Kampf dauert höchstens drei Minuten, und ältere Schiedsrichter wachen darüber.
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Ausgewählt nach Übereinstimmung im Stilprofil, nicht nach historischer Verwandtschaft.