Sanatan Shastar Vidiya
Nordindische sikhische Kampfkunst mit Waffen, die mit dem Orden der akali nihangs verbunden wird. Heute lehrt sie unter diesem Namen die Schule von Nidar Singh in Großbritannien.
Wichtige Daten
Charakter & Herkunft
Training
Für wen
Organisation & Wettkampf
Woraus der Stil besteht
Redaktionelle Bewertung auf einer Skala von 0–3, danach wie viel Raum der Bereich im normalen Training einnimmt.
Über Sanatan Shastar Vidiya
Shastar vidya, wörtlich die Wissenschaft von den Waffen, ist eine nordindische Kampfkunst mit Waffen, die die Sikhs laut BBC im siebzehnten Jahrhundert entwickelten. Laut The Independent beherrschten sie vor allem die akali nihangs, ein sikhischer Kriegerorden. Nach der Niederlage des Sikh Empire in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verbot die britische Verwaltung die akali nihangs, die Kunst ging in den Untergrund, und die Briten förderten stattdessen gatka, eine zeremonielle und abgeschwächte Form.
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Den Namen Sanatan Shastar Vidiya verwendet die Schule von Nidar Singh Nihang aus Wolverhampton, den die BBC 2011 als einzigen bekannten lebenden Meister bezeichnete. Die Behauptung, die Kunst sei Tausende Jahre alt und die Sikhs hätten sie von einer älteren nordindischen Tradition übernommen, stammt aus der Darstellung der Schule, und wir konnten sie nicht unabhängig belegen. Eine begutachtete Studie, die seine Deutung prüfen würde, haben wir nicht gefunden. Laut dem Kapitel von Kamalroop Singh im Oxford Handbook of Sikh Studies (2014), wie es die englische Wikipedia zusammenfasst, ist gatka nur ein Zweig eines breiteren Systems. Das Training beginnt mit der Fußarbeit in der Haltung paintra und dem Kampf ohne Waffen, und an die Waffen wird der Schüler schrittweise herangeführt. Zu den Manövern gehört auch bandesh, ein Hebel oder Haltegriff. Nach diesem Manöver beschreiben Internetübersichten eine eigenständige Kunst bandesh, für die wir keine verlässliche Quelle gefunden haben.
Geschichte
Laut BBC (2011) entwickelten die Sikhs shastar vidya im siebzehnten Jahrhundert, und The Independent (2009) berichtet, dass die akali nihangs sie am meisten beherrschten. Christopher Shackle von der SOAS sagte der BBC, die nihangs seien bei ihrer Entstehung Ende des siebzehnten Jahrhunderts sehr mächtig gewesen, später aber an den Rand gedrängt worden.
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Nach der Niederlage des Sikh Empire in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts verbot die britische Verwaltung des Punjab laut The Independent die nihangs und ihre blauen Turbane, und die Kunst wurde illegal. Nidar Singh datiert den Niedergang laut The Tribune (2011) auf die Zeit nach den Anglo-Sikh wars von 1845 bis 1849 und dem Aufstand von 1857, als kein Messer mit einer Klinge von über sechs Zoll getragen werden durfte. Kamalroop Singh ergänzt laut Wikipedia, der Niedergang sei nicht allein den Briten anzulasten, auch das Aufkommen der Feuerwaffen habe eine Rolle gespielt, und der Akal Takht habe 1878 ein hukamnama erlassen, das betonte, Sikhs sollten die Kunst erlernen und bewahren. Nidar Singhs Schule beruft sich laut The Tribune auf die akhara von Baba Darbara Singh (1645 bis 1735) aus der Zeit von Guru Tegh Bahadur. Nach dem Tod seines Lehrers Baba Mohinder Singh 1995 bezeichnet sich Nidar Singh als neunten gurudev dieser akhara. Laut BBC lernte er Mohinder Singh mit siebzehn Jahren bei einem Besuch bei seiner Tante im Punjab kennen und trainierte elf Jahre bei ihm. Laut Khaleej Times lernte Mohinder Singh bei Baba Gian Singh.
Was es unterscheidet
Shastar vidya ist laut BBC und Khaleej Times mit gatka verflochten, dem Stockfechten, das laut BBC unter britischer Herrschaft in Punjab für Vorführungen und nicht für echten Kampf entstand. Kamalroop Singh hält gatka laut Wikipedia dagegen für einen Zweig von shastar vidya. Nidar Singh sagte The Independent, die meisten heutigen Praktizierenden indischer Kampfkünste lernten nur abgeschwächte Vorführstile, die die Briten erlaubt hätten. Green schreibt in Martial Arts of the World, das britische Singlestick habe gatka wohl beeinflusst, denn dessen Übungsschwert und Hiebe ähnelten ihm stark. Mit shastar vidya hängt auch bandesh zusammen, das Online-Übersichten als eigenständige indische Kunst der Hebel und Entwaffnung beschreiben. Die sechs Phasen, die diese Übersichten nennen, entsprechen den Namen der Manöver von shastar vidya bei Kamalroop Singh, etwa rokh und rokhna, lapet und lapetna, cheen und chhini. Für eine eigenständige Kunst haben wir keine verlässliche Quelle gefunden.
Technik
Grundlage ist laut BBC eine Bewegung in fünf Schritten: Vorrücken auf den Gegner, Treffer in die Flanke, Ablenken ankommender Schläge, Erlangen der Überlegenheit und Schlag. Khaleej Times nennt fünf Grundprinzipien: abgemessenes Vorrücken, Einschätzen der Reichweitengrenze, Eindringen mit Ablenken der Schläge, vorteilhafte Position und chhatka, das schnelle Töten. Nidar Singh sagte The Independent, die Schlüsselfähigkeit sei Täuschung, und echten Schaden richteten Schläge an, die der Gegner nicht kommen sehe. The Tribune schreibt, die Kunst lehre, bewaffneten Gegnern unbewaffnet zu begegnen und sie zu entwaffnen, und umfasse auch die Analyse alter Schlachtformationen.
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Kamalroop Singh gliedert das System laut Wikipedia in Zweige namens ang: waffenloser Kampf bahu judh, Ringen mal judh, Kampf mit Stock und Keule gada judh, wozu auch gatka gehört, Kampf mit Waffen shastar judh und Kampf mit Schuss- und Wurfwaffen astra judh. Er nennt acht Manöver: den direkten Schlag hujj, die Abwehr rokhna, das Verdrehen lapetna, den Wurf phainkna, das Entreißen chhini, den Hebel oder Haltegriff bandesh, den Peitschenschlag marora und den Sprung chungi. Bandish ist bei ihm der Name des gesamten Repertoires an Manövern. Die Stellungen paintra umfassen die grundlegende mul paintra sowie die Tiger-, Affen-, Stier-, Schlangen- und Adler-paintra. Am Körper unterscheidet er dreiunddreißig Punkte maram, davon acht Hauptpunkte.
Training
Laut The Independent beginnen die Schüler mit recht harmlosen Holzstöcken, und nur wer besonderes Gespür und Hingabe beweist, gelangt zu scharfen Schwertern. Kamalroop Singh gibt laut Wikipedia an, dass der Schüler vor jeder Waffe die Fußarbeit und den Kampf ohne Waffe beherrschen muss. Die erste Waffe ist marahatti, meist ein Bambusstab, die Grundkombination bildet dann gatka, ein Holzstab, mit dem Lederschild phari, danach folgt kirpan mit dem Schild dhal. Der Lehrer heißt seit dem siebzehnten Jahrhundert ustad und der Schüler shagird, und vor dem Sparring kreuzen beide zweimal ihre Waffen und tippen sie aneinander. Laut BBC sind selbst die fortgeschrittensten Schüler von Nidar Singh erst seit Kurzem so weit, dass sie mit ihm mit Waffen kämpfen können, ohne sich zu verletzen. Er selbst trainiert laut The Tribune nach eigener Aussage seit dreißig Jahren siebzig Stunden pro Woche und unterrichtet drei Tage in der Woche. Von seinem Nachfolger verlangt er laut Khaleej Times neben körperlichen Voraussetzungen Mitgefühl, Wohltätigkeit, Beherrschung des Geistes, Reinheit und Achtung vor der Wahrheit.
Heute
Die BBC bezeichnete Nidar Singh 2011 als den einzigen bekannten lebenden Meister. Er selbst sagte, er habe nur vier Menschen getroffen, die sich Meister nennen durften, und der letzte von ihnen, Ram Singh, den er 1998 kennenlernte, sei vier Jahre später gestorben. Nidar Singh unterrichtet in ganz Großbritannien und reist zum Unterrichten nach Kanada und Deutschland, Khaleej Times nennt zusätzlich Indien. Er sucht einen Nachfolger, weil er fürchtet, dass die Kunst mit ihm untergeht. In den Klassen trainieren laut BBC neben Sikhs auch Muslime und Christen. The Tribune schreibt von ehemaligen britischen Kommandosoldaten, Bankern, Lehrern und Analysten und zitiert Nidar Singh, er nehme keine Gewalttäter, Kriminellen oder religiösen Fanatiker auf. In den ersten zwei Jahren des Unterrichts erhielt er laut BBC 84 Morddrohungen von Sikh-Gruppen, die die Ideologie von shastar vidya und die Lehre der nihang nicht billigen. Wettkämpfe in shastar vidya haben wir nicht gefunden, gekämpft wird nur in gatka.
Wissenswertes
Das Wort nihang bedeutet laut Khaleej Times Krokodil und stammt von mogulischen Chronisten, die so die Wildheit dieser Krieger beschrieben. Laut Davinder Toor, den die BBC zitiert, schossen britische Soldaten nach Aufzeichnungen von Offizieren auf jeden Mann mit blauem Turban und Feuerwaffe. Green schreibt, aristokratische Sikhs hätten im Turban zwei bis drei chakra getragen, geschärfte Stahlringe von etwa sieben Zoll Durchmesser, und sie auf Ziele geschleudert. Nidar Singh packte laut The Independent früher Lebensmittel in einer Fabrik in Wolverhampton ein. Die Geschichte der nihang stellte er aus Archiven der British Library und des Museums V&A im Buch In the Master's Presence zusammen. Eine seiner Lieblingswaffen ist ein gewelltes gezacktes Schwert, das einer Schlange ähnelt und mit dem man im Kampf Sehnen durchtrennen kann.
Häufige Fragen
Ist shastar vidya dasselbe wie gatka?
Nicht ganz. Die BBC beschreibt gatka als Stockfechten, das unter britischer Herrschaft für Vorführungen entstand, Kamalroop Singh ordnet es laut Wikipedia als einen der Zweige von shastar vidya ein.
Wer lehrt heute shastar vidya?
Laut BBC (2011) ist der einzige bekannte lebende Meister Nidar Singh Nihang aus Wolverhampton. Er lehrt in ganz Großbritannien und reist zum Unterrichten auch nach Kanada und Deutschland.
Was ist bandesh?
Laut Kamalroop Singh eines von acht Manövern des shastar vidya, ein Hebel oder Haltegriff. Als eigenständige Kunst führen es nur Internetübersichten ohne Quelle an.
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Ausgewählt nach Übereinstimmung im Stilprofil, nicht nach historischer Verwandtschaft.