Handschrift
Codex Lew (Cod.I.6.4º.3)
Originaltitel: Codex Lew
1460–1469DeutschlandLehrbuch
Augsburger Handschrift der sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts mit Glossen zu Liechtenauers Versen über Langes Schwert und Reiterkampf, dazu Texte von Huntsfeld, Lignitzer und Otto Jud.
Der Codex Lew ist eine deutsche Fecht- und Ringerhandschrift aus der Zeit um die sechziger Jahre des 15. Jahrhunderts, die in der Universitätsbibliothek Augsburg unter der Signatur Cod.I.6.4º.3 aufbewahrt wird. Sie ist eine anonyme Kompilation von Texten mehrerer Meister der Liechtenauer-Tradition. Den Schreiber, Kompilator oder Auftraggeber konnten wir nicht belegen. Sie umfasst 125 Papierblätter im Format 140 × 175 mm, beschrieben mit schwarzer und roter Tinte. Eröffnet wird sie von einer Glosse zu Liechtenauers Versen über das lange Schwert (Blätter 1r–53v). Es folgen Texte zum kurzen Schwert, die mit den Namen Martin Huntsfeld und Andre Lignitzer verbunden sind, Lignitzers Schwert mit Buckler und das Ringen des Otto Jud (85r–94v). Auf den Blättern 95r–123r steht eine Glosse zu den Versen über den Kampf zu Pferd, abgeschlossen mit einem Kolophon mit dem Namen Lew. Die Augsburger Handschrift ist der älteste belegte Zeuge des Zweigs A der Glossenfamilie Pseudo-Peter von Danzig, zu der auch der Codex Danzig gehört. Dieser Zweig, manchmal Glosse Lew genannt, glossiert nur das lange Schwert und den Kampf zu Pferd, und das kurze Schwert ersetzen darin Texte von Lignitzer und Huntsfeld. Der zweite Hauptzeuge ist der unabhängig abgeschriebene Codex Speyer aus Salzburg von 1491. Den Zweig A überarbeiteten später Paulus Hector Mair, Lienhart Sollinger und Joachim Meyer. Bis in die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts hielten Forscher die Glosse Lew meist für eine minderwertige Kopie und beachteten sie nicht. Die erste Transkription irgendeiner ihrer Kopien erschien 2001 eben nach der Augsburger Fassung. 2017 brachte der Verlag VS-Books das Buch Jude Lew: Das Fechtbuch heraus, in deutscher Fassung mit der Übersetzung von Dierk Hagedorn und in englischer mit der Übersetzung von Falk Fritz und Thomas Rhem.
Kampfkünste im Werk
Urheberschaft
Die Handschrift trägt Lews Namen eher nach Konvention. Lew wird oft fälschlich als Autor des ganzen Kodex genannt, sein Name ist jedoch nur mit zwei Teilen verbunden, den Glossen zum langen Schwert und zum Kampf zu Pferd. Das Kolophon auf Blatt 123r besagt, dass hier die jüdische Kunst des Mannes namens Lew endet, und wurde zusammen mit der Glosse zum Kampf zu Pferd auch in die Grazer und die Münchner Fassung abgeschrieben. Nach Wiktenauer lässt es sich auch so lesen, dass Lew Schreiber oder Auftraggeber der ganzen Handschrift war. Der Name Lewe bedeutet Löwe und könnte ein Spitzname gewesen sein. Die Form Jud Lew oder Jude Lew kommt in zeitgenössischen Quellen nicht vor, und Wiktenauer nennt sie neuzeitlich. Mit der Frage der Autorschaft befassten sich Daniel Jaquet und Bartłomiej Walczak in Acta Periodica Duellatorum (2014). Das Titelblatt nennt unter anderem Lews Fechten in Rüstung. Den Lew zugeschriebenen Traktat über das Fechten in Rüstung ordnet Wiktenauer jedoch Martin Huntsfeld zu, wobei es die Passage auf den Blättern 54r–70v selbst uneinheitlich bezeichnet.
Ausgaben und Übersetzungen
Die Augsburger Fassung beschrieben in ihren Verzeichnissen Wierschin (1965) und Hils (1985). Die erste Transkription irgendeiner Kopie der Glosse Lew veröffentlichten 2001 auf der Website ARMA-Pl Grzegorz Żabiński (langes Schwert) und Monika Maziarz (Kampf zu Pferd), beide nach der Augsburger Fassung. Die Web-Transkription von Dierk Hagedorn folgte 2008. Eine französische Übersetzung des Kampfs zu Pferd nach der Augsburger und der Salzburger Fassung veröffentlichte Michaël Huber 2004, das lange Schwert kam 2010 hinzu, und die spanische Übersetzung von Eugenio García-Salmones 2011. Die erste öffentliche englische Übersetzung der Glosse Lew aus allen verfügbaren Fassungen bereitete Cory Winslow 2016 vor. Die erste gedruckte Ausgabe ist Jude Lew: Das Fechtbuch (VS-Books, 2017). 2020 gab Stephen Cheney im Selbstverlag die Übersetzung des langen Schwerts Ringeck·Danzig·Lew Longsword heraus. Ein Faksimile haben wir in den Quellen nicht gefunden. Die Aufnahmen der Handschrift machte die Universitätsbibliothek Augsburg als Gemeingut zugänglich.
Personen und Kampfkünste
- Johannes LiechtenauerMitautor
- Martin HuntsfeldMitautor
- Andreas LiegnitzerMitautor
- Ott JudMitautor
- LewMitautor
- Dierk HagedornHerausgeber
- Falko FritzÜbersetzer
- Thomas RhemÜbersetzer
Angaben
- Form
- Handschrift
- Aufbewahrungsort
- Universitätsbibliothek Augsburg
- Signatur
- Cod.I.6.4º.3
- Blätter
- 125
- Material
- Papier
- Digitalisat der Bibliothek
- nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bvb:384-uba003098-9
Ausgaben
- 2004 · FR · ARDAMHE · Übersetzung
- 2010 · FR · ARDAMHE · Übersetzung
- 2011 · ES · AVEH · Übersetzung
- 2016 · EN · Wiktenauer · Übersetzung
- 2017 · DE · Jude Lew: Das Fechtbuch · VS-Books · Erstausgabe
- 2017 · EN · Jude Lew: Das Fechtbuch · VS-Books · Übersetzung
- 2020 · EN · Ringeck·Danzig·Lew Longsword · Übersetzung
Weitere Titel
- Lew's Fechtbuch (Alternativtitel, en)